musik

CD Imaginary JazzBaltica

 

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben – Programm & Festivalkarten behalten ihre Gültigkeit für 2021

Ende Juni hätte die 30. Auflage des JazzBaltica-Festivals in Timmendorfer Strand stattfinden sollen. Angekündigt waren u.a. bekannte & renommierte Künstler wie Raul Midón, Wolfgang Muthspiel, Viktoria Tolstoy und Bands wie die NDR Bigband, die Dirty Loops, die Jazzrausch Bigband und das JazzBaltica Ensemble Special Edition mit Musikern wie Michael Wollny, Ulf Wakenius, Wolfgang Haffner, Leszek Możdżer, Katja Riemann und Cæcilie Norby. Neben den Konzerten auf der Maritim MainStage im Festsaal des Maritim Seehotel Timmendorfer Strand waren nicht weniger als 32 kostenfreie Veranstaltungen im OpenAir-Bereich rund um den Strandpark vorgesehen.

Dann entschied das Team rund um den künstlerischen Leiter Nils Landgren Mitte April das Festival in diesem Jahr wegen der vielen Unwägbarkeiten im Rahmen der Covid-19-Pandemie auszusetzen. Er wartete aber zugleich mit der guten Nachricht auf, dass die für dieses Jahr geplanten Konzerte bei JazzBaltica 2021 (24. bis 27. Juni) nachgeholt werden. Bereits erworbene Festivalkarten & Konzerttickets behalten ihre Gültigkeit.

Nachdem die deutsche Pianistin Julia Hülsmann im vergangenen Jahr das JazzBaltica All Star Ensemble mit den besten Musikerinnen des Ostseeraums leitete & zu neuen Höhenflügen führte, macht sie nun mit ihrem aktuellen siebten Album „Not Far From Here“ (ECM) von sich reden. Denn sie hat ihr seit 17 Jahren bestehendes Trio mit Marc Muellbauer (b) & Heinrich Köbberling (dr) um den Berliner Tenorsaxophonisten Uli Kempendorff erweitert. Auf dem Album erweist sich dieses Quartett als Meisterin der Reduktion. Hier will nichts erzwungen werden – entschleunigt kommt es daher – mit schlanken, fragilen Akkorden gelingen spartanisch anmutende Klangwelten. Kleine Wunder, wie auch die wunderbare Coverversion des David Bowie/Pat Metheny-Klassikers „This Is Not America“, mit dem das Album abschließt.***

Erstmals seit 15 Jahren wird der österreichische Gitarrist Wolfgang Muthspiel wieder bei der JazzBaltica erwartet. Damals 2005 bildete er zusammen mit Drummer Brian Blade eines der vielen spannenden „Salzau Duos“. Eben dieser Blade bildet nun mit dem Bassisten Scott Colley Muthspiels fantastisches Trio auf „Angular Blues“ (ECM). Der Mittfünfziger Muthspiel, 2003 Europas Jazzmusiker des Jahres begann nach dem Studium an der Grazer Hochschule zunächst im klassischen Fach. Er transkribierte u.a. Bachs „Goldberg-Variationen“ für zwei Gitarren. Letztendlich siegte seine Liebe zur Improvisation & 1986 zog es ihn in die USA, wo er sich im Gary Burton Quintet einen exzellenten Ruf erspielte. Auf seinem eigenen Label Material Records veröffentlichte er u.a. zwei einfühlsame Exkursionen in jazzaffinitive Pop-Gefilde mit der norwegischen Sängerin Rebekka Bakken. Zurück zu „Angular Blues“. Um Missverständnissen vorzubeugen, es geht hier nicht um klassischen Blues, sondern so Muthspiel vielmehr darum „mit dem Raum zu spielen: ihn zu belassen, ihn zu schaffen, ihn zu füllen.“ Das gelingt mit großem melodischem & harmonischem Einfallsreichtum. Die Musik lebt von der einfühlsamen Interaktion aller Beteiligten. Ob auf dem rhythmisch vertrackten Titelsong, beim Up-tempo Swing „Ride“ oder in der mitreißenden Kollektiv-Impro „Kanon in 6/8“. Kongenial.***

Der norwegische Pianist Jon Balke kam 2015 erstmals in einer Formation des Trompeters Mathias Eick zur JazzBaltica. Im Rahmen diese Band war er als Counterpart für stetig neue Perspektivwechsel gut. Balke gilt als einer der profiliertesten & gesellschaftlich relevanten Komponisten seiner Heimat, über Genregrenzen hinweg wie Theater, Tanz-Performances, Soundtracks & Videomaterial schreibt. Neben den Erfolgen mit seinem Magnetic North Orchestra, mit den Gruppen Oslo13, Masqualero & dem Perkussions-Ensemble Batagraf war Balke auch immer wieder auf Solopfaden unterwegs. Nach „Book of Velocities“ (2007) & „Warp“ (2016) ist „Discources“ (ECM) nun sein drittes & zugleich politischstes Album. Schockiert & frustriert vom fehlenden Dialog innerhalb der Gesellschaft und den immer stärker polarisierenden Reden in der Politik, hat er sich der Sprache & Rhetorik als inspirative Quellen zu gewandt. Hörbar an der Reibung zwischen den vorproduzierten, elektronischen Soundscapes & den akustischen Klavierparts. Obgleich Balke hier stets der konzentrierten nordischen Jazztradition verwurzelt bleibt, funktionieren die 16 Stücke als experimentelle Klangdialoge sehr gut. Da lohnt das genaue Hinhören!

Joachym Ettel

 

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