Filmtipps

Jörg's Filmtipps im Juni

Endlich wieder ein ultimo! Und endlich wieder eine Leserschaft, die meinen Filmtipps hilflos ausgeliefert ist. In dieser Ausgabe wird es besonders schlimm – da wegen des Shutdowns noch kein Juni-Kinoprogramm feststand, gibt es ausnahmsweise mehr Platz für diese Kolumne – und nur „Internet-Tipps“.

Beginnen möchte ich aber mit einem Appell: Geht bitte wieder in die Kinos – verhaltet euch dabei verantwortungsvoll, aber unterstützt die Lichtspielhäuser. Film entfaltet seine ganze Magie erst, wenn man ihn im dunklen Raum auf der großen Leinwand und mit einem Publikum im Saal ansieht. Auch der größte Fernseher und das schönste Wohnzimmer können dieses Erlebnis nicht ersetzen! Besonders am Herzen liegt mir das Kino Koki in der Mengstraße, ohne deren Programm wären viele Filme in dieser Stadt nicht verfügbar.

Home Before Dark Trotzdem beginne ich mit einigen Serien-Tipps, da viele jetzt die Zeit haben, den Begriff Binge-Watching mit Leben zu erfüllen. Home Before Dark (Apple TV+) basiert auf der Geschichte einer realen Person. Es geht um die von Journalismus geradezu besessene 9-jährige Hilde Lysiak, die als Erste über einen Mord in ihrer Nachbarschaft schrieb und eine Korruptionsaffäre bei der lokalen Feuerwehr aufdeckte. Mit 10 wurde sie das jüngste Mitglied der amerikanischen „Society of Professional Journalists“. Hilde Lysiak heißt in der Serie Lisko und ist mit ihrer Familie nach dem Jobverlust des Vaters in die vermeintliche Idylle einer amerikanischen Kleinstadt gezogen. Den angeblichen Selbstmord einer Frau kann sie nicht glauben und fängt unerschrocken an, in diesem Fall zu recherchieren… Spannend, unterhaltsam, familientauglich und in den Zeiten von „Fake News“ auch in der Lage, den Kern von „wahrem“ Journalismus einem jungen Publikum nahezubringen. Können sich Eltern gerne mit ihren Kindern ansehen.

Verschwiegen Wir bleiben noch für einen Moment im Apfel-Programm. Verschwiegen ist eine 8-teilige Mini-Serie, in der es Staatsanwalt Andy Barber (Chris Evans) mit einem Mordfall zu tun bekommt, der ihn zutiefst aufwühlt. Sein schwieriger Sohn Jacob (Jason Martell) ist der Hauptverdächtige. Seine Frau Laurie (Michelle Dockery) und er wollen an die Unschuld ihres 14-jährigen Jungen glauben, doch je mehr Fakten bekannt werden, desto schwerer fällt den beiden das. Unter der Regie des Norwegers Morten Tyldum („Imitation Game“) entstand eine Serie, die aussieht wie ein „großer“ Film – nur deutlich länger. Die unvorhersehbare Erzählweise, die überraschenden Wendungen und die packenden Gerichtsszenen fesselten mich durchgehend.

I know this much is true I know this much is true (Sky) ist eine neue Mini-Serie, in der eigentlich alles stimmt: Mark Ruffalo glänzt in einer Doppelrolle (es würde mich wundern, wenn er bei den Darstellerpreisen der nächsten Emmys und Golden Globes leer ausgehen würde), fantastische Nebendarsteller (Melissa Leo!), tolle Inszenierung, mitreißende – aber auch sehr düstere – Geschichte. Tatsächlich gab es im Serien-Genre bislang wohl keine so ernsthafte und niederschmetternde Erzählung. Daher auch meine Warnung: „I know this much is true“ ist eine Reise, auf die sich nicht jeder begeben kann oder sollte – gerade in einer Zeit, wo schon eine gewisse Grund-Depression vorherrscht.

Vergiftete Wahrheit Zu Mark Ruffalo möchte ich aber noch seinen neuen Kinofilm Vergiftete Wahrheit erwähnen. Die Story um einen beharrlichen Anwalt, der gegen den Chemie-Giganten DuPont ins Feld zieht, sollte bereits am 9.4. ins Kino kommen, wurde aber wegen der Corona-Krise vorerst auf unbestimmte Zeit verschoben. Vielleicht schon mal unter sehenswert speichern…

Königin Auch der dänische Film Königin, er lief auf den letzten Nordischen Filmtagen, sollte Anfang April ins Kino kommen. Jetzt ist er bei amazon und im Apple Store erhältlich: Die großartige Trine Dyrholm spielt hier die Anwältin für Familienrecht Anne, die damit konfrontiert wird, dass ihr Mann seinen Sohn aus erster Ehe zu sich nehmen will, da er mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Schon nach kurzer Zeit beginnt Anne eine Affäre mit ihrem Stiefsohn. Der Film erzählt vom Unterschied zwischen Aufrichtigkeit und Symbolpolitik, von hausgemachten Wohlstandsproblemen der oberen Mittelschicht und davon, dass das schöne Leben, wenn es in Gefahr gerät, bis zum Letzten verteidigt wird. Ein aufwühlender Film, der noch lange nachwirkt.

American Woman Ein echter Geheimtipp ist American Woman (amazon prime OmU) mit Sienna Miller in der Hauptrolle. Sie hat mich schon vor einigen Jahren in „Interview“ von Steve Buscemi überzeugt, aber in diesem Film spielt sie die Rolle ihres Lebens: In dem Suspense-Drama sucht die Kellnerin Debra elf Jahre lang nach einer Erklärung für das Verschwinden ihrer Tochter und zieht währenddessen ihr Enkelkind auf. In dieser Zeit wächst sie als Person und es verändert sich alles in ihrem Leben – und Sienna Miller bringt es auf die Leinwand. Ganz nebenbei ist der Film auch fantastisch bebildert, was vielleicht dem Einfluss von Ridley Scott zu verdanken ist, der hier als Produzent fungierte. Wer mit „Jahrhundertfrauen“ oder “Erin Brokovich“ etwas anfangen konnte, darf diesen Film keinesfalls verpassen.

Amazing Grace Zum Schluss wird‘s musikalisch: nachdem Amazing Grace (jetzt als DVD & VOD) fast 50 Jahre lang in einer Schublade bei Warner Brothers vor sich hin staubte, wurde endlich der vielleicht größte Schatz der Musikgeschichte gehoben. Ohne Pomp und Spektakel singt Aretha Franklin an zwei Tagen vor dem Gemeindepublikum einer kleinen Baptistenkirche das gleichnamige Gospelalbum ein. „Amazing Grace“ öffnet unser inneres Ventil, wir können uns hingeben, uns zutiefst berühren lassen, um dann Kino oder Sofa glücklich und energiegeladen zu verlassen – und endlich wieder sicher sein, dass der Mensch auch wundervolle Dinge erschaffen kann. Amen!

Jörg Schmidt (Imker und Filmkenner)

Kommentare (0) | Jemandem diesen Eintrag empfehlen




 
nach oben

Pageflip

Dies ist das Cover der aktuellen ultimo-Ausgabe

und noch mehr...

Keine weiteren Einträge vorhanden.

Nur in der Printausgabe

The Heart Of It: "Shakespeare & Company"

Werbung