Special MUSIK
Stars des 20. JazzBaltica-Festivals in aktuellen Alben
Das JazzBaltica-Festival ist existentiell bedroht. Die
Landesregierung nimmt die schiefe Haushaltslage zum Anlass, einen
beispiellosen kulturellen Kahlschlag zu vollziehen, während
Milliardenverluste der HSH-Nordbank anstandslos getragen werden. So
reduziert das Land seinen Zuschuss für JazzBaltica bis 2012 auf 40% des
ursprünglichen Volumens. Dabei hatten Rainer Haarmann & sein Team
in den vergangenen zwei Dekaden ein Festival von Weltruf geschaffen, das
beste Werbung für eine strukturschwache Region wie S.-H. darstellt.
Projekte mit solcher Außenwirkung sind eigentlich unbezahlbar. Trotz der
schwierigen Rahmenbedingungen ist – nicht zuletzt aufgrund der
wichtigen internationalen Künstlerkontakte Haarmanns – ein
Jubiläumsprogramm entstanden, das höchsten Ansprüchen genügen wird.
So gehörte auch der
„elder statesman“ des Piano Jazz, Hank Jones seit fünf Jahren zu
den JazzBaltica-Freunden. Nach fast 60-jähriger Karriere als Partner mit
den „who is who“ des Jazz, war das intensive Salzau-Wochenende
wesentlicher Bestandteil seiner letzten Künstlerjahre geworden. Jones,
der für ein Duo-Konzert mit Dave Holland (JB8) anreisen wollte,
starb Mitte Mai in New York. Kein geringerer als McCoy Tyner, der
langjährige Coltrane-Partner, wird nun ihm zu Ehren seinen Platz am
Sonntagmittag in der Konzertscheune einnehmen. Da erscheint es wie eine
späte Hommage, dass rechtzeitig zum Festivalbeginn die großartige
„Jones-Suite“ aus dem Jahre 2008 mit Hank Jones am Piano bei Enja auf CD
erscheinen wird: „JazzBaltica-Ensemble – Directed by Johannes
Enders: One For Three – The Jones Suite“ (Enja 9189)
Die DanceNight am Freitag wartet in diesem Jahr
mit einer Weltpremiere auf. Die Nils Landgren Funk Unit trifft
auf die NDR Bigband. BIG FUNK vom Feinsten, schweißtreibende,
höchst tanzbare Grooves, coole Vovals & griffige Riffs kombiniert
mit dem voluminösen Sound-Format einer Bigband. Zuvor aber wird
Brasiliens „Nova Bossa Nova“-Star CéU ihr Salzau-Debüt geben.
2004 stürmte ihr Debütalbum mit einer raffinierten Mischung aus
brasilianischen Rhythmen, Afro-Beats, dezenten Elektro-Elementen &
jazzig-souligem Gesang die Charts, erhielt zwei Grammy-Nominierungen
& den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Ihre Songs
schlagen souverän, ja fast spielerisch eine Brücke von der Tradition zur
Moderne, zwischen urbanen Sounds, Elektro-Pop & Brazil-Folk. Das
verdeutlicht auch ihre zweite CD „Vagarosa“ (Exil/Indigo), auf
der Musik & Stimme eine Intensität entfalten, die in diesem Genre
ihres gleichen sucht.
Obgleich Nils Landgren & Michael Wollny
als „Artists in Residence“ entsprechend dem Festivalmotto „with friends“
das Salzau-Wochenende prägen werden, so dürfen sich die Besucher auch
auf eine ganze Reihe von Weltklasse-Saxofonisten freuen. Mark Turner
beispielsweise gilt als einer der begnadetsten Tenoristen des
zeitgenössischen Jazz. Das Fly-Trio des 45-Jährigen mit Larry
Grenadier & Jeff Ballard vertritt die Philosophie der vollkommenen
Gleichberechtigung aller Stimmen. Auf dem aktuellen Album „Sky
& Country“ (ECM 2067/Universal) ist das traumwandlerische
Verständnis dreier Individualisten zu hören, mit unerwarteten Rollen-
& fließenden Dynamikwechseln, organischen Grooves, liedhaften
Melodien & raffinierten harmonischen Ideen, ein sublim
ausbalancierter Sound, der sich unangestrengt, aber auf dramatische
Weise ausdehnt & verdichtet.
Die Session-Konzerte
im Schloss Salzau haben über die Jahre zunehmend an Bedeutung gewonnen
& sind auch in diesem Jahr wieder hochkarätig besetzt. Die
Samstagnacht (3.7.) wird von dem fantastischen Trio des Pianisten
& Trompeters Sebastian Studnitzky bestritten. Sein neues
Album „Egis“ (Herzog Rec./Edel) strotzt vor tighter Spannung,
detailreicher Klangarrangements & zeitgemäßer Coolness. Schon mit
Triband hatte der Berliner bewiesen, dass er einen ganz eigenständigen
Sound zu generieren vermag. Doch „Egis“ transportiert – nicht zuletzt
durch die Kollaboration mit dem Club-Jazz-Kollective Jazzanova – einen
sessionartigen Charakter, der die sogartige Emotionalität seiner Songs
brillieren lässt. Joachym Ettel

